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Teil eines schriftlichen Themas zum 5. Meistergrad Wing Tsun.

Von Marcus Schüssler

Nun spielen wir das Beispiel weiter: Sie stellen sich jetzt um, und stellen wieder eine für Sie 'angenehme' Distanz oder Sicherheitszone her. In dem Moment wo Sie dies ausführen, folgt Ihnen Ihr Partner und versucht die für ihn erreichte Distanz nicht größer werden zu lassen, sondern diese 'Distanz der Bedrohung' immer gleich zu halten. Nun spielen Sie diese sich jetzt kontinuierliche und dynamisch ablaufende Übung für einige Zeit weiter.

Wenn wir nun die Übung analysieren, erkennen wir, daß wir ständig dem Begriff des sog. 'Fluchtreflex' aus der Neurophysiologie folgen, während der Partner ständig der 'Bedroher' ist. Wer von ihnen beiden fühlte sich in der überlegeneren Position, vor allem auch psychologisch? Wohl eher Ihr Partner. Dieses Phänomen ist recht einfach zu erklären: während Sie sich bei der Flucht (meistens nach hinten!) auf viel mehr Dinge als Ihr Bedroher konzentrieren müssen (es läuft eine ständige Überprüfung in Ihrem Kopf ab: ist der Fluchtweg nicht versperrt, halte ich meine Sicherheitszone aufrecht, kann ich noch mehr Distanz gewinnen, kann ich meine Balance halten, etc.) , hat es der Bedroher um ein vielfaches einfacher: er konzentriert sich vornehmlich auf Sie und das Vorrücken nach vorne, denn er hat alles im Blickfeld. Schon aus diesem Grund heraus ist es sinnvoller, ein Bedroher oder besser Angreifer zu sein!

Was hat all dies nun mit dem Chi-Sao zu tun? Kehren wir zu der Situation des ausgeführten Handflächenstoßes zurück: Nachdem der Handflächenstoß ausgeführt und vom Partner mit Jum-Sao neutralisiert wurde, stellten wir fest, daß es nicht klug ist, den Druck oder besser die 'bedrohende Angriffsbereitschaft' einzustellen, da ansonsten der Partner dies positiv für sich nutzen kann, um nun uns in die bedrohte Position zu bringen. Außerdem muß eine Angriffsbereitschaft für den Fall herrschen, daß der Partner plötzlich seinen Arm wegreißt und wir ohne weiteres Nachdenken nach vorne schießen müssen. Will nun aber der Partner seinerseits auch nicht nach seiner Abwehr seine 'bedrohende Angriffsbereitschaft' einstellen, so muß auch er einen Druck nach vorne ausüben. Wenn nun intelligenterweise beide Partner diesem Prinzip folgen, arbeiten beide Personen mit einem Druck. Aufgrund dieser Logik ist die Existenz eines drucklosen Wing Tsun nicht möglich, wohl aber eines kraftlosen Wing Tsun. Denn gefühlte Kraft (damit ist die Kraft aus der Muskulatur des eigenen Körpers gemeint) ist nur eine subjektive Wahrnehmung unser Muskelkontraktionen. Leider sind wir noch nicht in der Lage, die Muskelkontraktion eines Mitmenschen wahrzunehmen, können also nur über unseren eigenen Körperwiderstand eine Wahrnehmung erfahren. Und die gilt es im Chi-Sao minimieren zu lernen, also Widerstände abzubauen! Hier hat auch die Philosophie des Taoismus einen großen Anteil an der Technikstrukur, denn Chi-Sao lehrt uns, den Taoismus in einer physischen Form kennen zu lernen, zu erleben und uns darüber zu verändern.

Wie zu Beginn erläutert, dauert dieser Prozeß des Umsetzens des Taoismus Jahre, um die gewünschten Veränderungen durchgehend zu realisieren. Einhergehend ist auch hier eine mentale Veränderung verbunden mit dem Reifeprozeß eines Menschen. Z. B. wurde die Unterrichtszeit von Yip Man in HongKong in verschieden Phasen eingeteilt, der auch verschiedene Originalschüler entsprangen, und die sich in ihrer Umsetzung der Lehre Yip Mans teilweise sehr stark unterscheiden. Dies ist darauf zurück zu führen, daß auch Yip Man zu seinen Lebzeiten Entwicklungsphasen körperlich wie auch mental absolvierte, und diese dann jeweils aktuellen Erfahrungswerte an seine Schüler zu diesem Zeitpunkt weitergab. Sein eigener Entwicklungsprozeß stoppte aber nicht.............